Geschichte

Kurze Geschichte der deutschen NaturFreunde


Von 1895 bis 1918:

Im Jahre 1895 wurde in Wien die erste NaturFreunde-Gruppe gegründet. Es wurde dabei das Ziel formuliert, die Arbeiter und Arbeiterinnen aus ihrer oft dumpfen Lethargie und aus den öden Wirtshäusern heraus zu holen, sie in der Natur an Körper und Seele zu stärken und sie kulturell und politisch zu bilden.

Alkoholismus stellte in diesem Jahrzehnt ein Massenphänomen dar und die lebensreformerischen Bestrebungen auch der organisierten Arbeiterbewegung waren eine Antwort darauf. Lebensreform war ein Weg, dem freudlosen Dasein in grauer Städte Mauern und den schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen zumindest für eine begrenzte Zeit zu entfliehen und dadurch besser zu ertragen.

Freizeit von Arbeitern und ihren Familien fand unter ihresgleichen statt, dort erfuhren sie Solidarität, Geborgenheit und lernten die Machbarkeit der Utopie des Sozialismus kennen, die in ihrem Leben erreichbar schien und für den es sich zu kämpfen lohnte.

Die 1895 in Wien gegründeten NaturFreunde gehörten zu den Vereinen der Arbeiterbewegung, die eine proletarische, eine bessere Gegenwelt vorleben wollten. Der Geist eines Kultursozialismus, der Gedanke der Veredelung des Arbeiters und das Ziel des „anders leben“ durchwehte die Gründungszeit der NaturFreunde, die sich auch heute noch einem universellen Anspruch auf eine selbstbestimmte, den Ideen der demokratischen und sozialistischen Arbeiterbewegung verpflichtete Utopie verbunden fühlen. Im Kaiserreich waren viele der im Besitz des Adels befindlichen Landschaften nicht frei zugänglich. Die erste Forderung der NaturFreunde nach dem Recht auf freien Zugang zur Natur auch für Arbeiterwanderer führte zu dem auch heute noch üblichen Gruß „Berg frei“.

Der Verein wuchs schnell – in München wurde 1905 die erste deutsche NaturFreunde- Gruppe gegründet. Wandernde Handwerker und Arbeiter wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den „Aposteln“ der Naturfreundebewegung. Wo sie sich niederließen, schlossen sie sich der lokalen Arbeiterbewegung an und gründeten Naturfreundegruppen, die sie andernorts bereits kennengelernt hatten. So bestanden am Vorabend des 1. Weltkrieges bereits knapp 300 Ortsgruppen mit 10.000 Mitgliedern. Während des Krieges lagen die Aktivitäten in den meisten Gruppen brach.

Von 1918 bis 1933:
Als ein Ergebnis der Revolution von 1918/19 wurde die Arbeitszeit gesetzlich verkürzt. Für Arbeiter, Arbeiterinnen und ihre Familien gab es erstmals eine, wenn auch bescheidene Freizeit. Vor diesem Hintergrund erlebten die NaturFreunde einen rasanten Zuwachs an Mitgliedern (im Jahr 1923 bereits 100.000 Mitglieder). In der Weimarer Zeit wurden die NaturFreunde ein Sammelbecken unterschiedlichster gesellschaftlicher und politischer Strömungen. In ihren Reihen fanden sich Anhänger der bürgerlichen Lebensreformbewegung, der Freikörperkultur, der Freilandbewegung, des Wandervogels und der Jugendbewegungen. So kristallisierte sich der oft nur schwer einsortierbare und vielleicht typische NaturFreund heraus – quer denkend und quer handelnd. Immer wieder versuchten die Arbeiterparteien (Sozialdemokraten, Linkssozialisten und Kommunisten), die NaturFreunde-Bewegung fester an sich zu binden, was fast immer misslang. Am Ende der Weimarer Republik fand der „Bruderkrieg“ zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten leider auch bei den NaturFreunden seinen Niederschlag.

In den 20er Jahren entwickelte die Naturfreundejugend mit ihren eigenständigen Vorstellungen und Praxen auch eigene Organisationsstrukturen. Sie verstand sich oft als Avantgarde im und für den Verein, als politische Jugendorganisation, die in ihrer kulturellen Arbeit beispielgebend wirken wollte. Sprechchor, Laienkabarett, Nacktkultur, Leseabende sozialistischer Klassiker, sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit und Koedukation waren programmatische Inhalte.

Das Wandern war und ist die große Leidenschaft der NaturFreunde. Doch man wollte nicht einfach nur wandern, das „soziale Wandern“ wurde zum Ziel erklärt: „Soziales Wandern besteht im Achten auf die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und bezieht sich durchaus nicht nur auf die arbeitenden Menschen…“ (Der Naturfreund, 1930).

Weitere Verbandsschwerpunkte bildeten Bergsteigen, Wintersport, Wasserwandern, Fotografie und Naturkunde. Der Spagat zwischen Naturnutzung und Naturschutz beschäftigte die NaturFreunde zu allen Zeiten. So meldeten 1927 die rheinischen NaturFreunde zur Verschmutzung der Wupper: „…das Schmerzenskind der deutschen Flüsse. Wir brauchen ein wirksames Heimatschutzgesetz. Aber auch hier ist wieder der beste Beweis für die Macht des Kapitals. Die Farbengewaltigen haben nicht nur die Möglichkeit, Arbeiter auszubeuten, sondern auch ganze Flussläufe zu verseuchen…“. Heute sprechen wir – auf diese Zeit zurückblickend – von den bereits „grünen Roten“.

Eine Blütezeit erlebte der Verband auch im Häuserbau. Bis 1933 entstanden im Deutschen Reich über 300 Natufreundehäuser, vom einfachen Vereinsheim am Rande der Stadt bis zum großen Ferienheim in landschaftlich reizvollen Gegenden. Die Häuser wurden meist in Eigenleistung oder in genossenschaftlicher Selbsthilfe erbaut und waren Kristallisationspunkte der lokalen Arbeiterbewegung.

Von 1933 – 1945
Bald nach der Machtübernahme der Nazis wurden auch die NaturFreunde verboten und zerschlagen, ihre Häuser beschlagnahmt. Etliche NaturFreunde wurden in den Folterkellern der Nazis gequält. Viele Mitglieder schlüpften unter das Dach der gleichgeschalteten Wander- und Sportvereine und konnten so die alten Zusammenhänge mehr schlecht als recht aufrecht erhalten. Unter den Widerstandskämpfern gegen den Faschismus fanden sich auch viele NaturFreunde. So organisierten die Dresdner NaturFreunde-Kletterer Materialund Kurierlinien nach Prag zu den Exilbüros der KPD, SPD und der SAP.

Von 1945 – 1970
Vorrangiges Ziel der nach 1945 wieder gegründeten NaturFreunde-Gruppen war es, die in der Nazi-Diktatur beschlagnahmten Häuser wieder in Besitz zu nehmen. Neue Häuser wurden gebaut. Wie nach dem 1. Weltkrieg erlebten die NaturFreunde einen raschen Zuwachs ihrer Mitgliederzahlen. Vor der Entfaltung der eigentlichen Freizeitindustrie war in diesen Jahren das breite Angebot der NaturFreunde fast konkurrenzlos.

Die NaturFreunde setzten sich kritisch mit dem neuen Staat und dem Abrücken der SPD von der reinen Arbeiterpartei auseinander. Vor allem bei der Naturfreundejugend mischten sich die alten jugendbewegten Ideale mit antifaschistischem und antimilitaristischem Engagement. Da sich die NaturFreunde nicht auf einen unkritischen Wachstums- und Fortschrittsglauben einließen, wurde die Distanz zur Sozialdemokratie und den Gewerkschaften zusehends größer. NaturFreunde wandten sich seit Anfang der 50er Jahre gegen die Pläne zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik.

In diesen Jahren fanden etliche, aus beiden Arbeiterparteien verdrängte, unabhängige Sozialisten – z.B. Fritz Lamm und Wolfgang Abendroth – bei den NaturFreunden ihre Heimat. Bekannte quer denkende sozialistische Theoretiker wie Leo Kofler, Jakob Moneta, Viktor Agartz und Otto Brenner engagierten sich zeitweise in der Bildungsarbeit der Naturfreundejugend. NaturFreunde beteiligten sich an der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ und gehörten zu den Trägern der ersten Ostermarschbewegung ab 1960. Dass der Schutz der Natur untrennbar mit dem Schutz und den Entwicklungschancen der Menschen zusammenhing, war Grundannahme der Politik der NaturFreunde. Robert Jungk gehörte in diesen Jahren zu den beachteten Rednern auf unseren Veranstaltungen.

Da jede NaturFreunde-Gruppe autonom ihr Programm selbst bestimmt, gab es jedoch damals, wie heute, in den einzelnen Gruppen und Landesverbänden bei den Schwerpunkten Natur/Wandern, Politik, Kultur und Geselligkeit gänzlich unterschiedliche Entwicklungen und Prioritäten.

1970 – heute
Sowohl die außerparlamentarische Opposition der Studenten Ende der 60er Jahre als auch die Gründung von Bürgerinitiativen und Umweltschutzgruppierungen in den 70er Jahren verlief weitgehend ohne Mitwirkung der Arbeiterbewegung. So waren auch die NaturFreunde kaum an diesen neuen gesellschaftlichen Prozessen beteiligt. Noch weiter an den Rand gedrängt wurden die NaturFreunde durch die massive Ausweitung der Freizeit-Angebote sowohl im kommerziellen als auch im ehrenamtlichen Bereich.

In den 70er und 80er Jahren erprobte in erster Linie die Naturfreundejugend neue Themen und Methoden. So wurden Winterfreizeiten in Öko-Freizeiten umgewandelt, Ski-, Kanu- und Wanderfahrten wurden mit praktischem Umweltschutz verbunden. Seit 1985 fanden – mit anderen Organisationen – die „Allgäuer Gespräche für sanften Tourismus“ statt. Im Jahr 1981 beschlossen die NaturFreunde ein umfangreiches Alpenschutzprogramm – im Jahr 1989 gab es mit dem BUND die große Anti-PVC-Kampagne. In Anlehnung an das „soziale Wandern“ wurde ein neues Konzept für Radtouren, die „soziale Pedale“ kreiert.

Trotz dieser positiven Aktivitäten konnte der Verband kaum noch eine breitere Öffentlichkeit erreichen. So fiel auch die breite Mitwirkung der NaturFreunde in der wiedererwachten Friedensbewegung der 80er Jahre kaum noch auf. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus, dem dadurch immer zügelloser auftretenden globalisierten Kapitalismus, dem Anwachsen der kommerziellen Freizeitindustrie und der starken Zunahme von Individualisierung und Bindungsangst in unserer Gesellschaft stecken die NaturFreunde heute in einer ganz grundsätzlichen, lang anhaltenden Neuorientierung, die sowohl mit einer Schrumpfung und Überalterung des Mitgliederbestandes einhergeht als auch mit dem Finden und Ausprobieren neuer Ideen und langfristiger Visionen. Dieses „Schicksal  teilen sie mit fast allen nicht nur linken Organisationen. Wir sind jedoch sicher, dass unser ganzheitliches Konzept, unsere Mischung aus Natur, Politik, Kultur und Freundschaft auch unter den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen weiterhin für die Menschen attraktiv sein wird und eine sowohl theoretische als auch praktische Antwort geben kann auf die Frage, wie unsere immer stärker und verhängnisvoller unter den Kapital-Interessen stehende Welt positiv verändert werden kann.

(Der Text basiert auf dem Buch von Wulf Erdmann und Jochen Zimmer: „Hundert Jahre Kampf um die freie Natur“ von 1991)

Zusammengetragen von Wolfgang Weil, Wuppertal